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Grippeimpfung 2017/18

 

auch für diesen Herbst möchte ich Sie wieder auf die Grippeschutzimpfung hinweisen.

Die Influenza, wie sie tatsächlich heißt, ist keine normale Erkältungskrankheit, sondern eine gefährliche Viruserkrankung.

Sie wandert als Welle von West nach Ost um den Erdball und trifft bei uns in Deutschland meist um Weihnachten herum ein. Bei Ihrer Wanderung ändert sich ständig ein kleiner Teil ihrer genetischen Zusammensetzung.

Daher ist auch der Impfstoff jedes Jahr anders zusammengesetzt und daher muss auch jedes Jahr geimpft werden.

 

Wir bestellen den Impfstoff so früh wie möglich. Denn sobald der Herbst wirklich da ist, leiden viele Menschen sowieso unter normalen Erkältungen. Vorher ist Wiesnzeit, nachher kommt der vorweihnachtliche Stress. Und schon hat man es wieder mal vergessen.

 

Der Impfstoff ist jetzt in der Praxis angekommen. Sie können sich jederzeit impfen lassen.

 

Warum ich die Impfung wichtig finde und mich auch selbst jedes Jahr impfen lasse, können Sie z.B. hier lesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Spanische_Grippe


 

Cannabis auf Rezept

Schon jetzt erreichen mich Fragen nach Verschreibung von Cannabis.

Ein Gesetz wurde im März erlassen.

Ich werde in meiner Praxis kein Cannabis verschreiben.

Meiner Meinung nach sollten spezielle Stellen eingerichtet werden, wenn der Staat  den Bezug von Cannabis auf Kosten der Allgemeinheit freigibt.

THC war schon seit seit Jahren verschreibungsfähig. Die Erfahrungen mit dem Stoff waren enttäuschend.

Es steht zu befürchten, dass dieses Gesetz nicht die Versorgung von Schwerstkranken verbessert, sondern den Bezug von Drogen auf Kosten aller erleichtert.

 

 

Abendsprechstunde

Dem Wunsch vieler Patienten folgend haben wir eine Abendsprechstunde geschaffen. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass die abendlichen Sprechzeiten für Patienten reserviert sind, die tatsächlich zu den normalen Zeiten nicht in die Praxis kommen können. Zu diesen Zeiten können natürlich auch nur Termine stattfinden, die aus medizinischer Sicht zu dieser Tageszeit sinnvoll sind.

 

 

TELEFON/ ERREICHBARKEIT

In der Vergangenheit war es gelegentlich zu Störungen der telefonischen Erreichbarkeit der Praxis gekommen.
Der Fehler wurde inzwischen behoben.
Falls Sie mal nicht "durchkommen" sollten, benutzen Sie bitte E-mail und die Ihnen bekannte Notrufnummer.
Für Rezeptwünsche und Organisatorisches steht jetzt auch eine zweite E-mail Adresse zur Verfügung:
unter empfang@doktor-rausch.de erreichen Sie Brigitte Sauer,  Birgit Deml, und Arjeta Zekiri direkt.

 

 

Nüchtern-Termine

Sie werden nur dann gebeten, nüchtern zu uns zu kommen, wenn wir entweder Ihren Cholesterinwert kontrollieren müssen oder eine Ultraschalluntersuchung des Bauchraumes geplant ist.
Daher ist es sonst vollständig überflüssig, nüchtern zum Arzt zu gehen.

Nüchtern bedeutet IMMER, dass Sie Ihre Tabletten nehmen dürfen und sollen (z.B. Blutdrucktabletten). Trinken Sie gerne klares Wasser, Tee oder Kaffee ohne Milch und Zucker.

 

 

Kontrolle von Schilddrüsenlaborwerten

Hier bitten wir Sie, am Tage der Blutentnahme morgens NICHT Ihre Schilddrüsentablette einzunehmen.
Die Kontrolle der Blutwerte hat auch nur dann Sinn, wenn Sie mindesten 2 - 3 Wochen vorher in großer Regelmäßigkeit die Tabletten genommen hatten.
Jedem wird es mal passieren, diese Einnahme zu vergessen, das kann auch mal eine ganze Woche sein.
Kein Problem: verschieben Sie den Termin ! 

 

 

 

 

Vertragsärztliches System − Teil I: Von Eros und Ethos des Vertragsarztseins

Dtsch Arztebl 2014; 111(29-30): A-1292 / B-1112 / C-1056

Siebolds, Marcus

Das Wesen des Vertragsarztseins sollte aus theoriegeleiteter Perspektive analysiert werden, um ärztliches Handeln und ärztliche Selbstverwaltung grundlegend erfassen zu können.*

Es ist sehr erstaunlich, dass – bei aller Kritik am eigenen Beruf – Vertragsärzte eine überdurchschnittliche Zufriedenheit mit ihrer ärztlichen Kerntätigkeit aufweisen. In einer Befragung des Deutschen Ärzteblattes (1) zum Thema Berufszufriedenheit unter Hausärzten wurde die Kategorie Berufszufriedenheit insgesamt mit einem Zustimmungswert von 64 Prozent, die Kategorie Patientenkontakt mit einem Zustimmungswert von 91 Prozent bewertet. Für die Attraktivität der ärztlichen Tätigkeit an sich spricht auch die weiterhin ungebrochene Nachfrage nach Medizinstudienplätzen, die nach wie vor einen durchschnittlichen Wert von fünf Bewerbern auf einen Studienplatz aufweist. Der Beruf scheint also mit einem starken Eros verbunden zu sein. Der Begriff „Eros“ meint im philosophischen Verständnis das Streben, das Getriebensein zu geistiger, schöpferischer Tätigkeit. Wie lässt sich dieses Streben erklären?

Die Anziehungskraft des klinischen Arzthandelns in der Behandlung und Begleitung der Patienten und die daraus resultierende Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit sind im Kern durch die Eigenart ärztlichen Handelns begründet. Der Schlüssel zum Verständnis dieses Sachverhaltes liegt in der klinisch-hermeneutischen Methode zur Entwicklung von verantwortlichen und verantworteten individuellen klinischen Entscheidungen in der Behandlung jedes einzelnen Patienten. Diese urärztliche, klinische Elementarmethode ist den Ärzten in der Regel nicht bewusst, wird von ihnen im ärztlichen Alltag aber intensiv gelebt und erlebt.

Ärztliche Reifung durch hermeneutische Praxis

Klinisch-hermeneutisches Handeln beschreibt ein Erkenntnisverfahren, das auf der gedanklichen Operation der Deutung basiert. Deutung meint hier im Sinne von Gadamer (2) ein Verstehen, das auf einem Sichhineinversetzen in die jeweilige Krankengeschichte und die akute Krankheitssituation des Patienten beruht. Der Deutende bedient sich dabei immer seiner Vorverständnisse, die er in anderen Deutungszusammenhängen entwickelt hat. Er bewegt sich somit nach Dilthey (3) in einem hermeneutischen Zirkel, in dem jede klinische Vorerfahrung die Grundlage der Deutung einer neuen Erfahrung darstellt. Es kommt so anhand der eigenen klinischen Erfahrung zu einer ausgeprägten Zunahme der Deutungskompetenz des Arztes, die dieser im ärztlichen Alltag an der Abnahme der ihn belastenden Unsicherheit und Ambivalenz im Fällen relevanter klinischer Entscheidungen festmachen kann. Dies kann man als ärztliche Reifung durch klinisch-hermeneutische Praxis bezeichnen.

Das Gütekriterium der Deutung ist ihre logische Widerspruchsfreiheit. Absicht der hermeneutischen Deutung im klinischen Fall ist die Rekonstruktion der vollen Fallwirklichkeit aus allem heraus, was dem Arzt an Wissen, Information, Erfahrung und Empfindung zur Verfügung steht. In Anlehnung an Gadamer (4) ist das Ziel die Entwicklung einer ihrer Entstehung nach theoriegeleiteten (mittels der hermeneutischen Methode) ärztlichen Alltagstheorie über den jeweiligen Fall. Diese unterscheidet sich nach Weidner (5) durch die theoriegeleitete Entstehung vom sogenannten habituellen, nichthermeneutischen Verständnis eines Falls.

Nach Oevermann (6) ist klinisches Handeln letztlich nur im Rahmen hermeneutischer Entscheidungen zu leisten. Er beschreibt die hermeneutische Fallarbeit als Grundlage professioneller klinischer Tätigkeit. In dieser Theoriebildung interessieren zum Thema Eros des vertragsärztlichen Handelns vor allem zwei zentrale Aspekte:

  • Die widersprüchliche Einheit aus evidenzbasiertem Regelwissen und ärztlichem Fallverstehen

Der Arzt handelt in der Versorgung des einzelnen kritisch oder komplex-chronisch Kranken immer in einem widersprüchlichen und unauflösbaren Spannungsfeld zwischen dem, was Wissenschaft als Vorgabe für gutes ärztliches Handeln vorgibt, und seinem eigenen, im Sinne Diltheys durch klinische Reife generierten Verstehen des einzelnen Falles. Es gibt in diesen Behandlungssituationen keine immer gültigen, trivial-technischen Ja-Nein-Entscheidungen nach naturwissenschaftlichem Rezept. Diese unauflösliche Widersprüchlichkeit zwingt den Arzt zu einem Handeln im Widerspruch, dem im Grunde nur mit der hermeneutischen Methode beizukommen ist. Tut er das nicht, droht der für den Patienten gefährliche Zustand einer lähmenden Ambivalenz und Unsicherheit, der den Arzt klinisch handlungsunfähig werden lässt! Diesen elenden Zustand kennt jeder Arzt aus seiner eigenen Arztreifung. Es ist erstaunlich, dass in der ärztlichen Bildung diese Denkfigur, die extrem hilfreich ist, um entlasteter und besser in kritischen klinischen Zusammenhängen zu agieren, weitestgehend unbekannt ist.

  • Dialektik aus Entscheidungs- und Begründungszusammenhang

Der Begriff Dialektik beschreibt im ärztlichen Handeln, dass der Vertragsarzt letztlich eine wertekritische Güterabwägung vornehmen muss, bei der die geschuldete gesellschaftliche Solidarität (gemäß der Vorgaben des SGB V), die beste klinische Praxis (durch die Anwendung evidenzbasierter Medizin), das eigene Fallverstehen und die Erwartungen des Patienten berücksichtigt werden müssen. Dieser dialektische Diskurs stellt sicher, dass keines der vier fallbestimmenden Elemente unreflektiert dominant wird. Es geht um die für den Patienten beste und angemessene Balance aller vier Grundgrößen. Das dialektische Verhältnis beschreibt, dass in einem solchen kritischen Wertediskurs das Ergebnis der Entscheidungsfindung nur schwer vorhersehbar ist.

Das, was ärztliches Handeln jenseits aller romantischen Arztlyrik, philanthropischer Überhöhung und traditionellem Habitus so anziehend macht, ist die Herausforderung, diese klinisch-hermeneutische Entscheidungssituation bei jedem wirklich Kranken anzunehmen und im gemeinsamen Ringen mit dem Patienten für die beste Balance aller vier Faktoren zu kämpfen. Der Arzt erlebt, wie in der Behandlungsbeziehung eine gemeinsame Überzeugung heranreift, sich für das Bestmögliche im Sinne des Patienten entschieden zu haben. Nur im klinisch-hermeneutischen Verständnis (7) können sich Patient und Arzt vom Druck einer stets erfolgreichen Behandlung befreien und ein gemeinsames Verstehen der biografischen Bedeutung der Krankheit entwickeln. Diese intime und existenzielle Szene kann nur vom professionellen Arzt im freien Beruf erbracht werden.

Die Unausweichlichkeit dieses dialektischen Diskurses bei kritisch oder komplex-chronisch Kranken stellt die offensichtlichen Grenzen für trivial-technische Steuerungsfantasien und Interventionen der Gesundheitspolitik dar.

Das Ethos oder die Bürde des ärztlichen Handelns

Nachdem die Anziehungskraft der klinischen Versorgung am einzelnen Patienten durch den Vertragsarzt theoriegeleitet analysiert werden konnte, soll nun die Wehklage vieler Kollegen über die Bürde und die dazugehörige „Gesinnung“ des Arztberufes reflektiert werden. Der Begriff Ethos bezeichnet im weiteren philosophischen Sinne die Haltung einer Person oder einer Berufsgruppe, nach dem sittlich Guten zu streben. In den folgenden Betrachtungen rückt die gesellschaftliche Rolle des Arztes in den Mittelpunkt.

Diesen sei ein Schlaglicht aus einem vertragsärztlichen Qualitätszirkel vorangestellt:

„Da sitzen Sie dann im Qualitätszirkel und reden über evidenzbasierte Medizin und Leitlinien. Dann werden die Kollegen bösartig, weil sie sagen, dass ihnen die Patienten mit ihren unersättlichen Wünschen, die Pharmaindustrie mit ihrem Verkaufsdruck, die KV und die Kassen mit dem Budget und die Staatsanwälte mit der Drohung nach Schadensersatz bei Behandlungsfehlern im Nacken sitzen. Das ist für alle kaum noch zum Aushalten. Und da kommen Sie mir mit rationaler Medizin!“ (langjähriger Qualitätszirkelmoderator)

Einen Zugang zu dieser Wahrnehmung einer enormen Bürde und inneren Widersprüchlichkeit im ärztlichen Handeln kann die berufssoziologische Professionstheorie liefern. Es gilt zu reflektieren, was ärztliche Professionalität ausmacht. Etymologisch beschreibt der Be- griff die Verpflichtung des Handelnden dem Gemeinwesen gegenüber (analog dem Profess beim Eintritt in eine Ordensgemeinschaft). Im Rahmen der berufssoziologischen Diskussion hat Doris Schaeffer 1994 (8) versucht, den bisherigen Diskussionsstand auf Heilberufe zu übertragen. Ich habe mich mit der Frage beschäftigt, wie sich diese Theoriebildung auf den Arztberuf übertragen lässt. Die Professionalität des Arztes ist durch folgende fünf Kriterien gekennzeichnet:

  • Übertragung eigentlich hoheitlicher Aufgaben der Daseinssicherung des Staates an die Ärzteschaft: In einer historischen Betrachtung zeigt sich, dass Staaten im 19. Jahrhundert entscheiden mussten, ob sie die Gesundheitsversorgung ihrer Bürger als staatliche Aufgabe wahrnehmen oder dem freien Spiel der Kräfte in der Gesellschaft im Rahmen einer deregulierten subsidiären Gesundheitsversorgung überlassen wollten. Die entscheidende Frage war: Gibt es zwischen einer Staatsmedizin und einer völlig unregulierten, marktorientierten medizinischen Versorgung einen Mittelweg? Die Entwicklung der Professionen in ihrer speziellen Ausformung stellt hier-auf den Versuch einer Antwort dar.
  • Die medizinische Versorgung wird „von der Gesellschaft als mandatswürdig“ bewertet, von der Gesellschaft den Ärzten zur Übernahme angeboten und von dieser Gruppe auch bereitwillig übernommen. Die ambulante Versorgung ist deshalb mandatswürdig, weil die Versorgung der Bürgerinnen und Bürger mit ambulanten ärztlichen Leistungen eine für das Gemeinwesen daseinssichernde Leistung ist. Es besteht der gesellschaftliche Zentralwert, dass die ambulante medizinische Versorgung flächensicher, flächengerecht und ressourcengerecht sein sowie den Wünschen des einzelnen Patienten und dem ärztlichen Grundverständnis entsprechen soll. Diese Rolle ist nicht über die Ärzte hereingebrochen, sondern wurde von ihnen aktiv angenommen und ausgestaltet. Sie ist in einem professionstheoretischen Verständnis nicht Opfer einer ihr zugewiesenen Rolle, sondern aktiv Handelnde in einer gewollten Rolle.
  • Professionen sollen die irrationalen Potenziale der Gesellschaft kontrollieren. Ein irrationales Potenzial ist ein gesellschaftlicher Prozess, der sich einer stringenten vorhersehbaren und kontrollierbaren Steuerung entzieht. Im Gesundheitsbereich sind diese Potenziale Krankheit, Pflegebedürftigkeit und krankheitsbedingte Devianz bei psychiatrischen Erkrankungen.
  • Ziel ist die Vermeidung gesellschaftlich unauflösbarer Wertekonflikte, die entstehen, wenn der Staat diese Aufgabe im Rahmen staatlicher Institutionen übernimmt oder diese dereguliert in einen freien Markt überträgt. Zentral geht es hier um die staatliche Garantie der individuell gerechten ärztlichen Versorgung einzelner Bürger.
  • Die professionelle Kontrolle der irrationalen Potenziale von Krankheit wird durch die individualisierte Übernahme der Verantwortung für gesellschaftliche Kollektivrisiken in der Person des einzelnen Arztes realisiert. Was der Beamte im Rahmen seiner Dienstherrentreue niemals frei im Einzelnen entscheiden könnte, kann der professionelle Arzt in der Individualisierung des Kollektivrisikos Krankheit leisten, ohne den Staat als Institution dabei in einen Wertekonflikt zu bringen. Er nutzt für die Erfüllung dieser Aufgabe die klinisch-hermeneutische Methode. In einem deregulierten, subsidiären Gesundheitssystem kann der Staat die sozial- und flächengerechte Versorgung aller Bürger nicht mehr gewährleisten. Eine der Hauptbürden, die Ärzte in den Kassenärztlichen Vereinigungen spüren, aber selten beschreiben können, ist diese Übernahme der Individualisierung gesellschaftlicher Kollektivrisiken. Der Staat und die Gesellschaft gewähren dem Arzt dafür eine sehr privilegierte Stellung, die sich durch die hohe Autonomie gegenüber Patienten und Institutionen abbildet.

Der Arzt wird von der Gesellschaft mit paradoxen Zentralwerten konfrontiert. Wenn er die privilegierte Arztrolle übernehmen will und damit hohe Freiheiten in der Fallentscheidung erwerben möchte, so erwartet die Gesellschaft von ihm, die Zentralwerte der Gesellschaft in der Behandlung der Patienten auch umzusetzen. Er hat festzusetzen, was Krankheit ist, und die Kontrolle der Kosten zu garantieren, also die Finanzierbarkeit der Krankenversorgung im Einzelfall, sowie die soziale Gerechtigkeit am einzelnen Patienten sicherzustellen, wie diese im SGB V festgeschrieben ist. Betrachtet man die professionstheoretische Diskussion, dann versteht man, dass ein System, das die Kontrolle von medizinischen Kollektivrisiken in der Person des Arztes individualisiert und den Arzt zur ressourcengerechten Versorgung verpflichtet, den Arzt ferner dazu verurteilt, persönlich haftend klinische Entscheidungen fällen zu müssen. Das alltägliche Entscheidenmüssen in diesem Zentralwertparadox ist das eigentliche Ethos des Vertragsarzthandelns.

Manche werden meinen, dass diese Ausführungen mit dem ärztlichen Handeln in der Vertragsarztpraxis wenig zu tun haben, weil sie auf einem abstrakten, vermeintlich realitätsfernen Niveau vorgestellt wurden. Dies ist jedoch mitnichten der Fall. Es gibt im Gesundheitssystem einen nichtlinearen Zusammenhang zwischen Kosten und Behandlungsintensität. Bei einer Minimalversorgung entwickeln sich die Kosten relativ gering. Eine medizinisch optimale Versorgung bedingt in der Regel aber eine exponentielle Kostenzunahme. Zwischen beiden Antipoden liegt das, was im SGB V als wirtschaftlich, angemessen, notwendig und zweckmäßig (WANZ) beschrieben wird. Das WANZ-Paradigma stellt das Ausmaß der Versorgung dar, für das die Solidargemeinschaft bereit ist, jedem in der GKV versicherten Bürger eine solidarisch finanzierte medizinische Versorgung per Gesetz (SGB V) zu garantieren.

Verpflichtung zu sparsamer und effizienter Behandlung

Das Phänomen der „grenzrisikennahen“ ärztlichen Versorgung ist für Vertragsärzte ausgesprochen relevant. Alle Versorgungsentscheidungen unterstehen der Vorgabe des SGB V, dass sie nur dann legitim und sanktionsfrei sind, wenn sie dem „WANZ-Paradigma“ folgend erbracht werden. Für alle alltäglichen klinischen Entscheidungen erwächst daraus die Verpflichtung, dass der Arzt im Rahmen seiner hermeneutischen Fallarbeit immer berücksichtigen muss, bis zu welchem Punkt er eine sparsame und effiziente Behandlung durchführt, ohne den Patienten dabei zu gefährden, ihm soziale Ungerechtigkeit zuzumuten oder sein eigenes Fallverstehen und seine ärztlichen Werteüberzeugungen zu verraten. Diesen Punkt in den Kosten-Nutzen-Kurve nenne ich grenzrisikennahe Versorgung.

Die immer wieder aufflammende Rationierungsdiskussion führt sich hier ad absurdum. Seit Inkrafttreten des SGB V existiert die Norm der wirtschaftlichen, angemessenen, notwendigen und zweckmäßigen Versorgung. In Zeiten der Überfinanzierung eines Gesundheitssystems ist dies unproblematisch, weil durch die Möglichkeit redundanter, im Sinne der Patientensicherheit optimierter Versorgung das, was im Sinne des „WANZ-Paradigmas“ das Grenzrisiko darstellt, weit in den Bereich einer optimalen Versorgung rückt und sich somit weit vom Grenzrisiko entfernt. In Zeiten geringer werdender gesellschaftlicher Ressourcen hingegen bewegt sich das Grenzrisiko immer weiter in die andere Richtung und damit näher an eine ärztlich nicht mehr vertretbare Unterversorgung der Patienten. Dadurch erhöht sich der Handlungsdruck des Arztes massiv, da er die Risiken seines Handelns billigend in Kauf nehmen muss.

Diese Diskussion ist deshalb so bedeutsam, weil zum Wesen des professionellen Arzthandelns die Bereitschaft zu einer grenzrisikonahen Versorgung gehört. Die von der Gesellschaft dem Bürger gegenüber eingeräumte Solidarität und damit einhergehend die zur Verfügung gestellten Ressourcen sind endlich und sollen für alle Bürger ausreichen. Professionelles Arztsein bedeutet, sich diesem Konflikt täglich zu stellen. Dies ist die zentrale Bürde, die von Kollegen gespürt, aber nicht verbalisiert werden kann. In diesem Sinne gibt es keine unpolitischen Ärzte, da professionelles Arzthandeln immer dem Grunde nach gemeinwesenverpflichtet ist. Ich glaube, dass für junge Kollegen diese Bürde das Haupthemmnis zur Übernahme einer Vertragsarztpraxis ist.

Die vertragsärztliche Perspektive weist in der Regel alle Kriterien eines professionstypischen Handelns auf. Sie ist im Rahmen einer Körperschaft wie der Kassenärztlichen Vereinigung satzungsgemäß dem Gemeinwesen verpflichtet und beinhaltet die Übernahme des gesell- schaftlichen Mandats. Vertragsärzte betreiben, wie oben dargelegt, hermeneutische Fallarbeit und nutzen die Methode des universellen Wissens. Vertragsärzte haben eine weitgehende Autonomie vom Patienten, da sich die Findung von Ärzten und Patienten frei von organisationsbedingten Reglementierungen abspielt. Es gilt die freie Arztwahl. Hinsichtlich der Institutionsautonomie sind sie durch die eigene freie vertragsärztliche Praxis selbstbestimmt.

Selbstbestimmte freie vertragsärztliche Praxis

Der Eros des vertragsärztlichen Handelns, also seine Anziehungskraft, ist durch die professionsbedingte Freiheit zur hermeneutisch-ärztlichen Entscheidung im Widerspruch von evidenzbasiertem Regelwissen, ärztlichem Fallverstehen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gekennzeichnet. Das Handeln erhält seinen Reiz eben nicht aus einem überhöhten Helferpathos, sondern aus der Freiheit als Arzt, an der gesellschaftlichen Verantwortung für den Einzelnen teilzuhaben in einem professionstheoretisch definierten, freien Beruf!

Dieser Eros geht für die Gruppe der in Krankenhäusern tätigen Kollegen immer mehr verloren. Es gibt im derzeitigen System der Krankenhausfinanzierung keine satzungsgemäße Bindung des ärztlichen Handelns in Kliniken ans Gemeinwesen, das heißt, die Verpflichtung von Krankenhäusern und den darin agierenden Ärzten dem Gemeinwesen gegenüber ist implizit über die Berufsrolle und das Kammerrecht vorgegeben, aber nicht normengetragen. Die Autonomie des Patienten ist darüber hinaus eingeschränkt durch die Vorgabe der Behandlung gemäß den Unternehmenszielen und den die Finanzierungsgrundlagen bildenden DRGs, die das Finanzierungsrisiko vollständig auf die Kliniken übertragen. Die Umsetzung der klinisch hermeneutischen Vorgehensweise wird zur „Privatsache der Ärzte“ deklariert, die aber für die Erreichung der Unternehmensziele im DRG-System keine Rolle spielt.

Das Ethos und die damit verbundene Bürde ärztlichen Handelns liegen in der Bereitschaft zur Übernahme der Individualisierung gesellschaftlicher Kollektivrisiken in der Vertragsarztpraxis begründet:

− Die Übernahme dieser Bürde stellt die Legitimation für die Sonderrechte des Arztes dar.

− Nur dieses Ethos rechtfertigt letztlich die hohe Autonomie des Arztes im Verhältnis zu Patienten und Institutionen, wie sie im vertragsärztlichen Bereich gewährleistet und im Krankenhausbereich weitestgehend verloren gegangen ist.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    Dtsch Arztebl 2014; 111(29−30): A 1292−5

Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Marcus Siebolds
Lehrbereich Medizinmanagement
Katholische Hochschule NRW
Fachbereich Gesundheitswesen
Abteilung Köln
Wörthstraße 10, 50668 Köln

*Gekürzte und überarbeitete Fassung eines Essays anlässlich der Verabschiedung von Dr. med. Michael Späth aus dem Amt des Vorsitzenden der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg am 14. September 2013

 

 

 

 

Gesundheitswesen: Ärztliche Hilfe als Geschäftsmodell?

Dtsch Arztebl 2012; 109(16): A-804 / B-696 / C-692

Maio, Giovanni



Eine Kritik der ökonomischen Überformung der Medizin

Wir leben in einer Zeit, in der die Medizin von Grund auf transformiert wird. Aus einer genuin sozialen Praxis soll die Medizin in einen Gesundheitsmarkt verwandelt werden. Konzepte, die eigentlich nur für die Industrie gedacht waren, werden zunehmend über alle Bereiche der Gesellschaft gestülpt. Längst hat vor allem in den Kliniken ein Denken eingesetzt, das stärker vom Managementdenken als vom medizinischen Denken geprägt ist. Aber worin besteht eigentlich der Unterschied? Wie verändern die ökonomischen Leitkategorien das Denken in der Medizin?

1. Strukturelle Abschaffung der Zuwendung

Die Ökonomie und mit ihr die Bestrebungen der Effizienzsteigerung zwingen unaufhaltsam zur Beschleunigung. Das Diktat des Marktes ist ein Diktat der Zeitökonomie: Alle Abläufe in den Kliniken werden so beschleunigt, dass am Ende das wegrationalisiert wird, worauf es bei der Behandlung von Menschen zentral ankommt – die Zeit für das Gespräch zwischendurch, für das Gespräch, das nicht sein muss, das aber doch zum Wesentlichen einer persönlichen Betreuung gehört. Die persönliche Zuwendung wird immer mehr als idealistisches Sahnehäubchen angesehen, auf das man heutzutage auch verzichten kann, weil es Wesentlicheres gibt, wie etwa die Einhaltung von Qualitätsstandards. Und zu diesen Standards kann die persönliche Zuwendung kaum gezählt werden, weil sich diese kaum messen lässt.

2. Formale Normen statt menschlicher Beziehung

Unter dem politisch verordneten Zeitdiktat verkümmert eine Kultur des Heilens, weil die Behandlung von kranken Menschen immer mehr als messbare Handlung begriffen wird. Das ökonomisierte System suggeriert in problematischer Weise, dass mit der Applikation des Richtigen die Behandlung erschöpft sei. Auf diese Weise gerät der sinnstiftende Dienst am Menschen zu einer personennahen Dienstleistung – nach ökonomisch-verwaltungstechnischen Vorgaben. Damit aber wird genau das unterbewertet, was für viele Menschen der eigentliche Grund war, sich für den Helferberuf Arzt zu entscheiden. Erfüllung für den Arzt und echte Hilfe für den Kranken gibt es nur dann, wenn die ärztlichen Verrichtungen nicht nur auf einer gesunden Wissensbasis stehen, sondern wenn auch eine zweite Basis vorhanden ist, die eine Grundhaltung der Wertschätzung für den Patienten, eine Grundhaltung des authentischen Helfenwollens, eine Grundhaltung der Sorgebeziehung zum Kranken ermöglicht. Solche Werte werden zum lästigen Hindernis, das gelegentlich der Effizienzsteigerung und der Rentabilität im Weg steht.

3. Ökonomische Überformung des Ärztlichen

Selbstverständlich ist das ökonomische Denken in der Medizin sehr wichtig. Ohne ökonomisches Denken würde man zu viele kostbare Ressourcen verschwenden. Aber man muss der Ökonomie ihren Platz zuteilen. Dieser Platz ist dort, wo sie der Medizin hilft, ihre genuin medizinischen Ziele ohne Verschwendung zu erreichen. Die Ökonomie ist also eine Dienerin der Medizin, die durch vernünftiges Wirtschaften die Freiräume ermöglichen soll, in denen Medizin überhaupt erst realisiert werden kann.

 

Durch die ökonomische Überformung des Ärztlichen wird eine fürsorgliche Praxis zur marktförmigen Dienstleistung transformiert. Fotos: picture alliance

Tatsächlich ist es aber heute so, dass die Ökonomie nicht mehr der Medizin, sondern vielmehr die Medizin der Ökonomie dient. Die Ökonomie macht die Vorgaben und diktiert genau, was sich lohnt und wie zu behandeln ist, damit am Ende die Zahlen stimmen. Wenn aber nicht mehr das Medizinische, sondern das Ökonomische zum Eigentlichen wird, dann verabschieden wir uns auch von bestimmten Werten in der Gesellschaft.

4. Entwertung des Ärztlichen

Im Grunde möchte man im modernen Gesundheitssystem keine wirklichen Ärzte mehr, sondern eher Manager, die gekonnt die vorgegebenen Behandlungspakete zusammenbauen. Man möchte ein System, in dem alle Tätigkeiten organisatorisch zerlegt werden. Auf diese Weise aber kann das Proprium des Ärztlichen, die ganzheitliche Sichtweise des Menschen, die ureigene ärztliche Qualifikation kaum noch richtig zur Geltung kommen. Die Ökonomisierung führt sukzessive zu einer Art Schlüssellochmedizin, weil die Ärzte dafür belohnt werden, dass sie sich allein auf die DRG-Diagnose oder Ausgangsdiagnose und somit auf ein Teilsegment beschränken, ohne je zu beanspruchen, den Menschen als Ganzes zu sehen.

Im Zuge der exzessiven Ökonomisierung scheint die Wertschätzung des Arztberufs abzunehmen. Dies zeigt sich auch an der mit der Ökonomisierung ausgebrochenen Dokumentationswut. Alles muss gemessen werden, alles belegt werden, und vor allen Dingen: Alles wird kontrolliert. Nichts mehr wird als selbstverständlich vorausgesetzt, sondern für alles muss der Arzt Rechenschaft ablegen; er sieht sich einem ständigen Generalverdacht ausgesetzt. Man traut den Ärzten nicht zu, dass sie von sich aus richtig handeln, sondern sie werden kontrolliert und sollen mit finanziellen Anreizen dazu gebracht werden, das Richtige zu tun. Dieser Homo oeconomicus ist das genaue Gegenteil des Arztes, der bedingungslos und vollkommen selbstverständlich hilft.

5. Deprofessionalisierung der Ärzteschaft

Es gibt kaum mehr fachliche Ermessensspielräume für den Arzt; immer weniger wird der genuin ärztlichen Erfahrung überlassen, stattdessen wird dem Arzt im Detail vorgeschrieben, was er zu tun hat. Dieses Handeln nach Vorgaben, fast schon nach Gebrauchsanweisungen hat eigentlich nichts professionell Ärztliches mehr an sich. Vielmehr ist im Zuge der Ökonomisierung eine politisch gewollte Deprofessionalisierung der Ärzteschaft zu verzeichnen. Je mehr ökonomische Anreize die Ärzte erhalten, desto mehr verlieren sie die Freiheit, sich ausschließlich am Wohl des Patienten zu orientieren – das Fundament für die Ausübung ihrer Profession. Der Arzt wird tagtäglich in einen Rollenkonflikt getrieben, den er nur dann glaubt, bewältigen zu können, wenn er sich von den hehren Idealen seines freien Berufs verabschiedet und sich an den betriebswirtschaftlichen Vorgaben und Sachzwängen orientiert. Dass dies einem Ausverkauf des Ärztlichen und damit einem Ausverkauf der Vertrauenswürdigkeit der Medizin gleichkommt, wird dabei übersehen.

Der Vertrauensverlust in die Medizin wird noch dadurch verstärkt, dass in einem am Wettbewerb orientierten Gesundheitssystem die Werbung immer mehr zu einem probaten Mittel wird. Vollkommen unbeachtet bleibt dabei, dass das Selbstverständnis einer freien Profession im Grunde mit Werbung unvereinbar ist; denn diese suggeriert nichts anderes, als dass es in der Medizin nur noch Konkurrenten gibt und keine professionseigene Ordnung mehr. Durch die Werbung erfährt die Medizin eine Trivialisierung ihrer Ziele. So wird eine Misstrauenskultur geschürt, die am Ende dem Ansehen der Medizin in elementarer Weise schadet.

6. Trivialisierung der ärztlichen Leistungsangebote

Die Übernahme ökonomischer Leitgedanken führt zunehmend zu einer Versachlichung, Verrechtlichung und Entpersonalisierung der Medizin. Erst diese Entpersönlichung macht es überhaupt möglich, dass zwischen Arzt und Patient keine Interaktionen mehr erfolgen, die man als notwendige Hilfeleistungen beschreiben könnte, sondern dass sich sukzessive auch das „Angebot“ der Ärzte wandelt. Wenn die ökonomische Logik die zentrale sein soll, dann ist ja nicht mehr einzusehen, warum Ärzte ausschließlich Hilfeleistungen anbieten sollen; es ist viel lukrativer, wenn man die Hilfeleistungen einfach zu Konsumgütern umformt. In einer Medizin, die sich als Markt versteht, verändern sich die Interaktionen, und so entstehen neue „Produkte“ und werden angepriesen – Produkte, die nichts mehr mit Heilen und Helfen zu tun haben, sondern nur noch mit Absatzsteigerung. Diese sollen auch gesunde Menschen erreichen, weil dann die Absatzmöglichkeiten größer sind. Die Ökonomisierung führt zur Marginalisierung der medizinischen Indikation und zur Anpreisung von nicht notwendigen Waren auf dem Medizinbasar.

7. Von der Fürsorge zur marktförmigen Dienstleistung

Die schwerwiegendste Folge der ökonomischen Überformung des Ärztlichen ist, dass eine fürsorgliche Praxis zur marktförmigen Dienstleistung transformiert wird. In Zeiten der Ökonomie ist es gleichgültig, ob man als Arzt das innere Bestreben hat zu helfen oder nicht. Heute wird etwas anderes vom Arzt verlangt. Erwartet werden überprüfbare und abgesicherte Lösungen, die Ärzte sind gebunden an Programme und Vorgaben. Es kommt zu einer kompletten Verrechtlichung der ärztlichen Hilfe, die zur Abgabe eines qualitätsgesicherten Produkts transformiert wird. Dies bezeichnet man als „outputorientierte Qualitätssicherung“.

Mit dem Output allein ist aber noch keine humane Medizin realisiert. Gerade die Konfrontation mit einer ernsthaften Erkrankung führt den Menschen an Grenzerfahrungen heran, und viele Patienten benötigen in ihrer existenziellen Grunderfahrung keinen Leistungserbringer, sondern eine Persönlichkeit, bei der sie sich menschlich aufgehoben fühlen. Die Orientierung am guten, am messbaren Outcome ist eine notwendige Bedingung für eine gute Medizin, aber sie ist eben nicht hinreichend. Denn die Begegnung von Arzt und Patient bleibt unweigerlich auf ein Vertrauenkönnen angewiesen, weil es hier oft um existenzielle Erfahrungen geht, die mehr erfordern.

In einem ökonomisierten System gibt es keine Helfer mehr, sondern Dienstleistungsanbieter, es gibt die Lieferung einer bestellten und vertraglich vereinbarten Gesundheitsware. Die Ökonomie bringt also nichts anderes zuwege als die Ablösung des Vertrauensverhältnisses durch ein Vertragsverhältnis. Das ist das Geschäftsmodell, das stillschweigend eingeführt wurde.

8. Tauschverhältnis statt bedingungsloses Helfen

In einer Medizin, die sich als profitorientiertes Unternehmen versteht, wird eine Tauschlogik eingeführt. Man bietet etwas an und bekommt etwas dafür. Die Tauschlogik aber ist eine ganz andere Logik als die Logik, die eine genuin soziale ärztliche Praxis haben müsste. Es ist ein fundamentaler Unterschied, ob der Patient als ein Tauschpartner gesehen wird, dem etwas angeboten oder gar verkauft wird, oder ob er als hilfsbedürftiger Mensch gesehen wird. Wenn Hilfe zunehmend der Tauschlogik unterworfen wird, dann wird man diese Zug um Zug nicht mehr als Selbstzweck sehen, sondern sie nur noch instrumentell betrachten – als eine Hilfe, die man vornimmt, um gute Zahlen zu bekommen, um nach außen im Benchmarking gut dazustehen oder um dem Geschäftsführer zu gefallen.

Das Grundproblem besteht darin, dass sich die Medizin über dieses ökonomisch eingeführte Denken immer weiter von ihrer Grund-
identität entfernt. Diese besteht in der Zuwendung eines professionellen Helfers zu einem hilfsbedürftigen Menschen. Dieses Helfersein hat unweigerlich etwas mit Geben zu tun – und eben nicht mit dem Tausch. Grundelement der Medizin ist nicht die Gegenseitigkeit, wie dies der Tausch voraussetzt, sondern die einseitige Gabe des Arztes an einen hilfsbedürftigen Menschen. Der Helfer ist bestenfalls ein Mensch, der nicht kalkuliert und aufrechnet, sondern der mit der größten Selbstverständlichkeit einfach gibt. Die Selbstverständlichkeit, die Unerschütterlichkeit, mit der man zu geben bereit sein müsste, diese Fraglosigkeit des Helfens, wird in einem ökonomisch bestimmten Umfeld immer mehr abgeschafft.

9. Unparteilichkeit statt Anteilnahme

Der größte Schaden, den das rein ökonomische Denken anrichtet, ist letzten Endes die emotionale Distanzierung vom Patienten: Es gibt den perfekten Service ohne persönliche Anteilnahme am Schicksal des kranken Menschen. Die Ökonomie führt neue Werte ein; anstelle des empathischen Engagements wird die unparteiische Dienstleistungserbringung gepriesen. Die selbstverständliche Unmittelbarkeit des Gebens gerät zur Hilfe nach Berechnung, zur Hilfe nach Kalkül.

Viele Patienten spüren, dass da möglicherweise etwas nicht zusammenpasst. Sie fragen sich immer häufiger, wenn der Arzt ihnen eine Therapie empfiehlt, ob diese Empfehlung dem Kalkül für die Klinik oder Praxis geschuldet ist. Die Gleichzeitigkeit von Hilfe und Kalkül ist eine ständige Gefährdung der Grundfesten der Medizin als einer Disziplin der Hilfe, als einer Disziplin der Sorge und damit eine Gefährdung des unabdingbaren Vertrauensverhältnisses.

Medizin muss sich neu entdecken als eine soziale Praxis, die über das Rechnen hinaus auf einer unverzichtbaren Grundhaltung der Wertschätzung für den anderen beruht. Ein guter Arzt wird derjenige sein, bei dem man das Gefühl hat, dass er mit der größten Selbstverständlichkeit das Gute tut, ohne zu berechnen, ohne Vorbehalt. Ein guter Arzt gibt etwas, er gibt seine Zeit, er verschenkt seine Aufmerksamkeit, er verschenkt sein mitmenschliches Interesse. Ein Arzt kann am Ende nur dann gut sein, wenn er signalisiert, dass er im Kontakt mit seinen Patienten noch über eine letzte Ressource verfügt, und das ist ein Rest unverplanter Zeit, die er sich bereitwillig, ohne Schaden zu befürchten, nehmen kann.

10. Unterwerfung unter das Diktat des Erfolgs

Die Politik glaubt, mit der Etablierung ökonomischer Begrifflichkeiten würden viele Probleme gelöst. Sie glaubt, aus Patienten Kunden machen zu können; sie verkauft diesen neuen Kundenstatus mit dem Slogan „Freiheit für den Patienten“. Hinter dieser Freiheitssemantik verbirgt sich aber die Tendenz, alle Verantwortung dem Patienten überzustülpen. Der Patient erhält die Verantwortung, sich zu informieren und eine für sich gute Entscheidung zu fällen. Wenn es schiefgeht, fällt das auf den Patienten zurück, weil er sich als mündiger Bürger nicht ausreichend informiert hat. Ein solch euphemistisch verbrämter Umgang mit kranken Menschen ist nichts anderes als eine subtile Form der Entsolidarisierung.

Hinter dem schönen Begriff der Freiheit und der Mündigkeit verbirgt sich ein Rückzug des Sozialen; der neue „mündige“ Patient darf auf der einen Seite Ansprüche stellen, ist andererseits aber auch gezwungen, als Patient fortan immer auf der Hut sein und sich abzusichern. Bei ernsthaft erkrankten Patienten, die die Diagnose zunächst in eine Lebenskrise stürzt, kann das Paradigma des gut informierten Kunden nicht funktionieren, weil einem solchen hilfsbedürftigen Patienten nicht zugemutet werden kann, in seiner Not auch noch auf der Hut zu sein.

Wenn der Patient, wie die Politik es so gerne möchte, ein Kunde sein soll, dann hat das zur Folge, dass man diesem Kunden ja nicht primär hilft, sondern ihm zunächst einmal etwas verkauft – ob ihm aber tatsächlich geholfen wird, ist nicht ausgemacht. Das ist die letzte Konsequenz einer komplett ökonomisierten Medizin. Und konsequent ist dann auch: Geholfen wird nicht mehr allen, sondern nur noch dann, wenn es sich lohnt. Die eigentliche Kunst einer ökonomisierten Medizin besteht darin, eine gute Patientenselektion zu erreichen, Patienten zu akquirieren, die eine gute Bilanz versprechen, Patienten, die für eine gute Statistik taugen und denen man womöglich noch Zusatzleistungen anbieten kann.

Diejenigen, die in weniger gut lösbaren Problemlagen stecken, werden als zu risikoreich eingestuft und daher eher gemieden und weiter marginalisiert. Denn wenn eine nennenswerte Verbesserung nicht rasch und komplikationslos erreicht werden kann, dann erscheint jeder Einsatz als ineffizient und für das Unternehmen bedrohlich. Alle Maßnahmen, die nicht garantiert und ohne viel Aufwand erfolgreich sind, werden mehr und mehr ausgeschlossen, einfach weil sie durch das neu etablierte Raster der Rentabilität fallen. Das Kriterium der Rentabilität ersetzt den genuin sozialen Gedanken. Das, was einst unabdingbar war, dass man auch dort zu helfen versucht, wo man wenig Chancen hat, all dieses Unabdingbare wird durch die Ökonomie zur Verschwendung und damit unnötig.

Die Medizin darf ihre ureigene Aufgabe, nämlich Anwalt des Patienten zu sein, nicht der Ökonomie überlassen. Denn wenn die Medizin dem Geschäftsmodell ganz nachgibt, wird sie am Ende keine Medizin mehr sein.



Prof. Dr. med. Giovanni Maio M.A. (phil.)

Lehrstuhl für Medizinethik

Institut für Ethik und Geschichte der Medizin

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg



 

 

Jachertz, Norbert Gesundheitliche Versorgung: Beskes beklemmende Prognose (2011)

 

Eine alternde Bevölkerung und der Mangel an Fachkräften stellen die soziale Sicherung vor schwer lösbare Aufgaben.

 

Die Zahlen und Fakten zu der demografischen Entwicklung und deren Folgen für die gesundheitliche Versorgung sind zwar bekannt, dennoch wirkte die komprimierte Zusammenstellung, die Prof. Dr. med. Fritz Beske, der Leiter des Kieler Instituts für Gesundheits-System-Forschung, am 24. Februar 2011 in Berlin vorstellte, schockierend. Zumal Beske keine Lösungen, sondern nur Lösungsansätze, die gleichfalls beklemmend sind, präsentierte.

 

Das Problem in fünf Sätzen: Überalterung führt zu höherer Multimorbidität. Dadurch steigt der Versorgungsbedarf, insbesondere bei Pflegebedürftigen. Wegen des zunehmenden Mangels an Fachkräften wird dieser nur schwer zu decken sein. Medizinischer Fortschritt und steigende Morbidität lassen die Kosten explodieren. Kranken- und Pflegeversicherung stoßen deshalb und weil die Zahl der Erwerbstätigen sinkt an ihre finanziellen Grenzen.

 

In Zahlen: Innerhalb der nächsten 50 Jahre nimmt die Bevölkerung von 82 auf 65 Millionen, also um 17 Millionen ab. Die Anzahl der jungen Menschen (bis 19 Jahre) sinkt bis 2060 um fünf Millionen, die der erwerbsfähigen (20 bis 66 Jahre) um 17 Millionen, die der Alten nimmt hingegen um fünf Millionen zu. Die Relation Erwerbstätige zu Nichterwerbstätigen verschlechtert sich, selbst wenn das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre steigt, auf 1 : 1 (bisher 3 : 1).

 

Die altersbedingte Pflegebedürftigkeit wird Beske zufolge rapide zunehmen. Denn die Lebenserwartung steige bis 2060 bei Jungen auf 88, bei Mädchen auf 91 Jahre, ja „von hundert Mädchen, die heute geboren werden, haben fünfzig Aussicht, hundert Jahre alt zu werden“ (Beske). Die Zahl der Demenzkranken werde sich bis 2050 von 1,1 auf 2,2 Millionen verdoppeln, desgleichen die Zahl der Pflegebedürftigen, und zwar von 2,25 auf 4,5. Demnach müssten, würden die Verhältnisse von heute fortgeschrieben, bis 2050 zusätzlich 800 000 Pflegeheimplätze geschaffen werden. Der höhere Bedarf an Plätzen resultiere nicht zuletzt aus den vielen Einpersonenhaushalten, „die in die Pflegebedürftigkeit hineinwachsen“.

 

Dem steigenden Bedarf stehen zu wenig Fachkräfte gegenüber. In der Pflege werden laut Statistischem Bundesamt bis 2025 152 000 Kräfte fehlen. Die Wirtschaftsprüfergesellschaft Price-Waterhouse-Coopers rechnet bis 2030 gar mit 400 000 fehlenden Fachkräften in der Pflege und 165 000 fehlenden Ärzte.

 

Würde das heutige Leistungsspektrum der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) beibehalten, stünden die Kranken- wie die Pflegeversicherung – folgt man Beske – angesichts der demografischen Entwicklung und des teuren medizinischen Fortschritts vor einer unlösbaren Aufgabe. Beske hält es deshalb für „schlicht illusionär“, die bedarfsorientierte Finanzierung der Kranken- und der Pflegeversicherung fortzuführen. Der Beitragssatz müsste dann nämlich in der gesetzlichen Krankenversicherung auf bis zu 52 Prozent im Jahr 2060 steigen, in der Pflege auf mehr als fünf Prozent.

 

Einnahmenorientierte Finanzierung der GKV

 

Lösungsansätze: Beske plädiert für einen Systemwandel, hin zur einnahmenorientierten Finanzierung. Das bisherige Leistungsrecht könnte dann freilich nicht beibehalten werden. Zu Details wollte sich Beske, der auf viele Jahre als Gesundheitspolitiker zurückblicken kann, zunächst nicht äußern. Erst auf Nachfrage nannte er vorsichtig („Bitte verstehen Sie mich nicht falsch.“) als Beispiele die intensivmedizinische Betreuung von Frühgeborenen unabhängig vom Geburtsgewicht und die palliative Versorgung gegen Lebensende; Letztere hält Beske für eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. In seiner 2010 erschienenen Untersuchung zur Gesundheitsversorgung bei begrenzten Mitteln listet Beske zudem weitere „Handlungsoptionen“ auf – jede „Option“ geeignet, den Aufschrei einer Betroffenengruppe hervorzurufen. In Berlin wies Beske lediglich auf frühere Untersuchungen seines Instituts zu Fremdleistungen der Krankenversicherung hin. Auch deutete er an, die Krankenversicherung müsse sich künftig auf die Absicherung von Krankheiten konzentrieren, was wohl bedeutet, die Prävention auszuklammern und als allgemeine Staatsaufgabe zu deklarieren.

Die Gesundheitsversorgung und deren Finanzierung müssen nach Ansicht von Beske neu strukturiert werden: Der Bund solle sich auf eine Rahmengesetzgebung beschränken und zum Beispiel die Kranken- und Pflegeversicherung, aber auch die bisher von der Rentenversicherung organisierte Rehabilitation zusammenführen. Kommunen und Landkreise sollten mehr Kompetenzen bekommen. Ambulante, stationäre und rehabilitative Versorgung sollten in „leistungs- und sektorenübergreifenden Verbünde“ organisiert werden.

Engeres Aufgabenspektrum für die Ärzte

Der Fachkräftemangel in der Pflege könnte laut Beske durch ehrenamtliche Tätigkeit sowie durch neue Wohnformen für Alt und Jung halbwegs ausgeglichen werden. Auf die Einwanderung von Fachkräften solle man sich dagegen nicht verlassen. Diese würden auf Dauer in ihren Heimatländern gebraucht.

Dem künftigen Ärztemangel rät Beske, mit einem engeren Aufgabenspektrum zu begegnen. Die Ärzte müssten von Aufgaben entlastet werden, die auch von geringer qualifiziertem Personal erbracht werden könnten. Beske denkt dabei weniger an die Delegation als an die echte Substitution ärztlicher Leistungen, gesteht aber ein, damit ein heißes Eisen anzufassen. Doch das scheint ihn nicht zu stören, genauso wenig wie seine Forderung nach einer Reduzierung des Leistungskatalogs. In seinem Alter – Fritz Beske ist 88 Jahre und ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, noch jenseits der 67 produktiv arbeiten zu können – könne er sich unkonventionelle Meinungen leisten. Die Studie über die Aussichten des Gesundheitswesens („Sechs Entwicklungslinien in Gesundheit und Pflege“, Kiel 2011) halte er für notwendig. Er habe sie ohne Auftrag geschrieben.

 

Norbert Jachertz



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